Mit der Landschaft an die Bar

Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich durch die Landschaft gehe, als würde ich einen Katalog durchblättern. Ich schaue und bewerte. Umso „schöner" ich sie finde, umso zufriedener bin ich. Ich klopfe mir auf die Schulter für die Wahl meiner Spazierroute, meiner Urlaubsdestination oder meines neuen Wohnumfeldes. Und dann komme ich heim, schön war es, zufrieden bin ich und irgendetwas in mir fühlt sich immer noch fad an. Ein dumpfes Summen. Brauch ich jetzt einen Kaffee und ein Stück Schokolade? Und jetzt frage ich mich, was bitteschön ist dieses "schön", was bitteschön ist dieses "zufrieden"? Suche ich im Innersten wirklich danach? Warum erfüllt es mich nicht - so ganz bis oben hin?


Ich will es spüren. Ich will, dass die Chemie stimmt. So wie beim Verliebtsein. Wo das Äußere keine Rolle spielt, wo ich immer wunderschön finde, was mir Gegenüber ist, einfach, weil ich auf magische Weise verbunden bin mit dem Anderen. Was ist meine Schulterklopf-Schön-Zufriedenheit also? Etwas, das mich nicht wirklich berührt - mehr ein Gedanke, als ein Gefühl. Diese schöne Landschaft kommt aus meiner Vorstellung. Sie ist nicht echt. Und die Zufriedenheit, die ich mir darüber einbilde auch nicht. Ich vermute, sie kommt genau daher, wo auch ein idealer Körper oder die glücklich machende Wohnungseinrichtung zuhause sind.


Ich will mehr! Beim nächsten Spaziergang gehe ich aufs Ganze! Ich schalte auf Flirtmodus, frisiere meine Funken-Sprüh-Fühler, kitzle schon ein bisschen die Bauchschmetterlinge wach. Ich gehe mit weitem Blick, bin neben der Optik auch für die Vibes empfänglich. Achte auf Details, die im Augenwinkel aufleuchten. Ich schnuppere die Chemie, die in der Luft liegt. Und dann spüre ich sie, die feinen Gesten, die Blicke um mich rum. Ganz entspannt bewege ich mich durch diesen lebendigen Dschungel. Und dann setze mich einfach mal. An die Bar. Und schaue, warte ab, wer mit mir und mit wem ich. Ein Gespräch, ein Blick. Vielleicht sogar ein Tanz?


Könnte es der Apfelbaum sein mit dem knorrigen Körperbau oder die Hortensie mit den krummgewachsenen Zähnen? Sind es die moosige Oberarme oder pilzbefleckte Ohrläppchen, die mich am Ende so sehr verzaubern, dass ich gar nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist?


Vielleicht ist die Landschaft in der ich lebe genauso wie ich, echt. Vielleicht mag sie es auch nicht, von der Weite abgecheckt zu werden. Vielleicht macht sie sofort Schotten dicht, wenn jemand mit dem "Figur-Blick" daherkommt. Vielleicht öffnet sie sich erst, wenn ich ihr ohne Vorurteile begegne und mit all meiner Neugier herausfinden will, wer sie wirklich ist. Und vielleicht braucht auch sie Schummerlicht und ein zwei Schnäpschen, bis sie mit ihren innersten Geheimnissen rausrückt. Und dann, dann gibt es vielleicht auch bei ihr kein Halten mehr.